Ines Sebesta - Übersetzerin für Bulgarisch/Slowakisch und Autorin


Samko Tale: Buch über den Friedhof von  Daniela Kápitaňová, 
erschienen 2010 im Wieser Verlag

Über das Buch (Klappentext)

Cover_Buch ueber den Friedhof

Der Held des Buches lebt in der slowakischen Kleinstadt Komárno an der Grenze zu Ungarn, er misst 152 Zentimeter, heißt Samko und trinkt am liebsten Kefir. Und er hat »eine Krankheit, bei der man nicht mehr wächst«, betrachtet also das Leben um sich mit den Augen eines zehnjährigen Kindes.
Als der alte Gusto Rúhe ihm wahrsagt, er werde »ein Buch über den Friedhof« schreiben, stürzt Samko sich in die Arbeit. Was dabei herauskommt, ist ein charmant-komischer Roman, in dem der Held Samko ähnlich seinem tschechischen Bruder Schwejk viele drastische Geschichten über seine Mitmenschen erzählt, und wer möchte, kann dieses Buch bis zum Ende als unterhaltsame Kindermund-Lektüre lesen. Doch zu dem auf den ersten Blick so kauzig-komisch wirkenden kleinen Mann gehören seelische Abgründe …
Samko Tále ist das Pseudonym Daniela Kapitáňovás, mit dem die Autorin gleichzeitig eine Maske und einen Vermittler erschaffen hat, der ausspricht, was sonst tabu ist, weil es schockieren würde. Denn er, der mental Retardierte, ist unantastbar, selbst während er hingebungsvoll observiert und denunziert. Der Naive ist stets hörig, um nicht selbst »reingerissen« zu werden. Seine abgöttische Verehrung der Kommunistischen Partei bricht ebenso ungebremst aus ihm hervor wie die bedingungslose Vaterlandsliebe und der Hass auf alles Andersartige, auf die vielen Ungarn in Komárno, die nicht nur unter sich ungarisch reden, oder auf die »Zigeunerratte« Angelika Édešová. Was muss sie ihm auch immer seine Pappen klauen! Und warum macht seine Schwester Ivana immer so viel Krach auf dem Klavier und zieht sich »auf den Schallplatten« solche Sachen an, dass man sich schämen muss?!
Dank der Erzählkunst Daniela Kapitáňovás ist in diesem Buch, dessen Handlung in der Nachwende-Slowakei endet, Witziges nie nur witzig und Abstoßendes nie nur abstoßend.
Und was, wenn in jedem von uns etwas von Samko Tále steckt?
Trinken Sie gerne Kefir?

 

Aus dem Buch:

Einmal gab es in Komárno Einen, der hieß Bezzeg František, und der hat mich auch geachtet. Er war Kraftfahrer und am Ende fuhr er sogar einen Lastwagen, und er hat mich so geachtet, dass er mich immer mit der Hupe und der Lichthupe von seinem Lastwagen gegrüßt hat und ich hab ihm darauf hin immer das hier zugeschrien:
„Die besten Chauffeure links und rechts
sind die Bezzeg Františeks“.
Ich  hab zwar keinen anderen Bezzeg František gekannt, aber sonst hätte sich das mit dem Reim nicht gereimt. 
Er hat dann immer das Fenster runter gekurbelt und mir alle möglichen Bonbons, Kaugummis und anderes zugeworfen und ich hab sie aufgesammelt und aufgegessen, denn ich liebe alle möglichen Bonbons, Kaugummis und anderes. Bezzeg František hat das aber auch bei anderen Leuten gemacht, denn er war hinsichtlich auf die Leute herzlich und warf  ihnen Süßigkeiten zu. Als die Kommunistische Partei noch da war ist er mit dem Lastwagen herum gefahren und hat den Leuten Dinge gebracht, die es nicht gab.
Alle mochten ihn hinsichtlich darauf sehr.
Ich mochte ihn hinsichtlich darauf auch sehr.
Einmal ist er mit dem Lastwagen nach Rumänien gefahren, denn er sollte dort hinfahren, und da hat er den Leuten, die neben der Straße lang gingen, auch Bonbons und Kaugummis rausgeworfen, aber die Leute, die neben der Straße lang gingen, haben angefangen, sich darum zu prügeln und erst da hat Bezzeg František gemerkt, dass das da neben der Straße keine normalen Leute waren, sondern ein Trauerzug auf dem Weg zum Friedhof. Und da hat es ihm leid getan, dass dieser Zug hinsichtlich auf Bonbons so arm war und da hat er angefangen, den Trauerzug aus vollen Händen zu bewerfen, und der Trauerzug hat sich überhaupt nicht mehr um die Trauer und die Beerdigung gekümmert, sondern alle sind nur noch auf der Erde rum gekrochen um aufzusammeln. Und auch die Traurigsten haben mitgesammelt und auch der Pfarrer und andere, der Einzigste, der sich nicht vom Fleck gerührt hat, war der Sarg, denn das versteht sich ja von selbst, dass ein Sarg sich allein nicht vom Fleck rühren kann, oder nicht?
Oder doch.
Und dann hatte der Bezzeg František genug geworfen, aber die Leute wollten, dass er noch mehr wirft, aber er hatte nichts mehr, und so hat er nichts mehr geworfen. Nur dass die Leute nicht geglaubt haben, dass er nichts mehr hat, und so haben sie angefangen, auf den Lastwagen von Bezzeg František rauf zu hauen, und er hat sich hinsichtlich darauf erschrocken und wollte wegfahren. Nur dass er nicht konnte, denn die Leute haben den Sarg vor den Lastwagen gestellt, damit er nicht weg kann. Dann haben sie angefangen die Scheiben einzuschlagen. Darüber hat sich Bezzeg František sehr doll erschrocken hinsichtlich auf Angst und dann ist er über den Sarg drüber gefahren, denn ihm ist nichts anderes eingefallen. Aber das versteht sich auch von selbst, dass es dem Toten egal war hinsichtlich darauf, dass er auch so schon tot war.
Der Trauerzug hat sich aber auch nicht um den überfahrenen Toten gekümmert, sondern weiter Bonbons, Kaugummis und anderes gesucht.
Und anderes.
Danach hat Bezzeg František den Leuten dann keine Bonbons mehr zugeworfen, aber die Leute haben das verstanden und gesagt, dass sie das verstehen.
Ich hab das auch verstanden.
Mir muss Bezzeg František keine Bonbons zu werfen, denn ich kann mir auch 200 solcher Bonbons kaufen.
Von den Bonbons mag ich am meisten Karlovárske Oblaten, auch wenn das eigentlich keine Bonbons sind, denn ich mache eine süße Diät, weil ich hinsichtlich auf salzige Speisen invalid bin. Deshalb geh ich immer ins Krankenhaus Mittag essen, denn ich bin hinsichtlich auf salzige Speisen invalid. Das hat noch Dr. RS. Gunár Karol für mich organisiert, denn er ist sehr gut.
(Auszug S. 40-42)

 

Als mich die Lehrerin in die Sonderschule schicken wollte, da hat Dr. RS. Gunár Karol auch geregelt, dass sie mich nicht schickt.
Damals ist Opapa zu ihm gegangen und hat ihm gesagt, dass mich die Lehrerin in die Sonderschule schicken will, aber ich wollte da nicht hin, denn da gehen nur die Debilen hin, aber ich bin überhaupt nicht böd, und außerdem war Dr. RS. Gunár Karol mein Freund.
Opapa hat auch nicht gewollt, dass ich in die Sonderschule gehe, denn er war in der Kommunistischen Partei, und da wäre das eine Schande gewesen, wenn ich in die Sonderschule gegangen wär, denn dort gehen nur Debile hin.
Opapa war in der Örtlichen Organisation, denn da waren solche, die in der Kommunistischen Partei sein wollten, auch wenn sie schon Rentner waren. Opapa hatte sich hinsichtlich auf die Örtliche Organisation auch ein Heft angelegt, wo er alles Mögliche reingeschrieben hat und das so wichtig war, dass ich nicht einmal einmal reingucken durfte. So wichtig war das, obwohl es nicht einmal liniert war.
Und er konnte zu Dr. RS. Gunár Karol gehen, weil wir doch hinsichtlich auf Darinka Gunárová Mitschüler waren, und er konnte ihm sagen, dass sie mich nicht schicken sollen, und so haben sie mich nicht geschickt, denn er war mein Freund, und so war das geregelt.
Gestern hab ich Darinka Gunárová vor dem Haus der Gewerkschaften gesehen. Danach hat sie zu mir rüber gerufen und gewunken und ist über die Straße zu mir rüber gekommen, denn ich konnte nicht, weil ich ja mit dem Wagen war, so konnte ich nicht einfach so auf die andere Seite rüber gehen. Also kam sie. Dann hat sie das hier gesagt:
„Samko, bist du‘s?“
Sie meinte damit, ob ich das bin. Nur dass ich nicht gewusst hab, was ich darauf sagen soll, denn das versteht ja jeder von sich selbst, dass ich das bin, denn in Komárno gibt es nicht noch so einen, und so mußte ich das sein. Nur hab ich nicht gewusst, was ich darauf sagen soll.
Obwohl in Komárno auch noch andere Pappen sammeln, wie zum Beispiel die Ratte Angelika Édešová oder dieser Tscheche, der Nietrank heißt, zusammen mit seiner Frau. Bei dem hab ich mir angewöhnt das hier zu schreien:
„Nietrank
nie Wasser trank.“
So als ob Nietrank nie Wasser trank. Das ist sehr humorvoll, oder nicht?
Oder doch.
Er heißt Nietrank Vladimír und seine Frau heißt Nietranková Kordula.
Ich weiß nicht, ob es so einen Namen überhaupt gibt, denn niemand anders heißt so, nicht einmal im Fernseher. Nur die Nietranková heißt so. Kordula.
Das ist sehr seltsam.
Aber eigentlich sind sie gut und klauen mir keine Pappen von der Markthalle, auch wenn sie Tschechen sind. Nur das eine weiß ich nicht, nämlich ob sie sich das nicht ausgedacht hat, das mit Kordula. Denn so einen Namen gibt es sonst nirgendwo.
Und dann haben sie noch was Gutes, nämlich dass sie nicht tschechisch reden, sondern slowakisch, und das gefällt allen sehr. Dass sie nicht angeben, dass sie Tschechen sind, sondern slowakisch reden. Die Ungarn geben an, dass sie Ungarn sind und sie reden ungarisch.
Das gefällt keinem.
Mir gefällt das auch nicht.
Sollen sie doch Slowakisch reden, denn sonst werden sie weitergesagt.
 
Der Nietrank war Tscheche, doch ursprünglich war er ein Turner über das Pferd und er hatte auch eine Medaille. Die Leute haben ihn immer gefragt, ob er sie sich dabei nicht gestoßen hat, wenn er über das Pferd geturnt ist. Aber sie haben damit nicht so ein lebendiges gemeint, sondern nur so ein turnerisches. Über das man turnt. Im Fernseher gab es auch so welche. Nietrank hat darauf immer geantwortet, dass er sie sich so oft gestoßen hat, dass seine ganz blau waren, so blau wie der Keil von der Fahne. Allen hat das sehr gefallen, dass er so blaue hatte. Die.
Jetzt haben wir auf der Fahne keinen blauen Keil mehr, und auch das gefällt allen sehr.
Und auch mir gefällt das sehr.
Und dann sammelt in Komárno noch einer Pappen, der heißt Inas Vojtech und ist Zigeuner. An Inas Vojtech ist das das Schlimmste, dass er eine Brille trägt. Ich hab außer ihm in meinem ganzen Leben keinen anderen Zigeuner gesehen, der eine Brille trägt, und hinsichtlich darauf denke ich, dass man auf Inas Vojtech aufpassen muss, denn wenn ein Zigeuner eine Brille hat, dann kann er sehr gefährlich sein, denn dann tut er mit seiner Brille so als ob er viel Intelligenz hat. (Auszug S. 77-80)

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