Ines Sebesta - Übersetzerin für Bulgarisch/Slowakisch und Autorin


Eine unerledigte Angelegenheit
von Jana Juránová

erschienen 2016 im Wieser Verlag

Gemeinsam mit ihrem Mann hatte Zita sich auf ein ruhiges Leben auf dem Land gefreut, doch sein unerwarteter Tod macht sie plötzlich zu dieser seltsamen Städterin, die allein aufs Dorf gezogenen ist. Ihr Haus, dessen Inneres der Vorbesitzer zu einem magischen Reich umgestaltet hat, schirmt sie nicht nur gegen die forschenden Blicke der Dorfbewohner ab, es wird ihr zum Asyl und gleichzeitig zum Substrat für ihr meditatives Potential. Zita reflektiert unablässig – sowohl ihren neuen, klatschsüchtigen Mikrokosmos, als auch das ureigenste Innere; oftmals tut sie es mit leiser Ironie, häufig provokant und nachdenklich. Sie arrangiert sich mit dem Alleinsein. Jahreszeit und Garten geben den Rhythmus vor. Als sie gerade dabei ist, sich einzuleben/einzuigeln, wird sie schon wieder herausgerissen … von dem Portrait einer unbekannten jungen Frau, das auf ihrem Dachboden in einem alten Koffer lag. Zu gern möchte sie die unerwünschte Mitbewohnerin loswerden, doch wie? Wem gehört das Bild? Lebt diese Frau noch oder hat sie Nachkommen? Was geschah mit ihr? Und überhaupt - wie kam das Portrait in ihr Haus? Wo gehört es hin? Wo gehört sie selbst hin? Zita taucht gezwungenermaßen in dieses fremde Leben ein, genauer gesagt, in die, vor und während des Krieges geschriebenen Briefe und Aufzeichnungen der Unbekannten, die ebenfalls im Koffer lagen. Obendrein kreuzt Sonja ihren Weg, eine ehemalige Dozentin von der Uni, wie damals unablässig an ihrem sozialen Netzwerk spinnend, fordernd und vereinnahmend … Praktisch wäre nichts von Zitas erträumten Landruhe übrig, hätte sie nicht ihre dreibeinige Freundin - unabhängig, geduldig, verschwiegen, stark. Wie sie. Nur eben als Katze.
Wird es ihr gelingen, das Geheimnis der schönen Unbekannten auf dem Bild zu entschlüsseln?

Und hier ein Auszug aus dem Buch.

...
Ich muss irgendwann einmal alle Bilder ordnen. Nur dieses Foto von der Hochzeit meines Cousins wird definitiv aussortiert. Vielleicht zerreiße ich es ja auch. Ich stehe da zusammengekrümmt in einem langen Abendkleid und habe ein dümmliches Lächeln aufgesetzt, neben mir ein unbekannter junger Mann in Uniform, in der Hand seine Mütze und etwas weiter oben die sich bereits deutlich abzeichnende Glatze. Obwohl ich mich so gut es geht hinunter biege, ist er ein ganzes Stück kleiner als ich. Er war die Rache meiner Großmutter, weil ich mir erlaubt hatte, zur Hochzeit ihres Lieblingsenkels ohne Bräutigam erscheinen zu wollen, obwohl ich ihrer Meinung nach bereits im heiratsfähigen Alter war. Und so hatte sie mir diesen Berufssoldaten eingepfarrt, dessen Namen ich aus meinem Gedächtnis gestrichen habe. Der Arme, ich habe ihn die ganze Zeit über ignoriert und damit wohl tief verletzt. Am Ende muss er aufgegeben haben, er verschwand ohne ein Wort. Hoffentlich habe ich bei ihm nicht ein Trauma fürs ganze Leben ausgelöst. Würde ich ihn heute treffen, könnten wir vielleicht beide herzlich darüber lachen. Vielleicht ist aus ihm ja einer von denen geworden, die später die jungen, frisch eingezogenen Rekruten schikanierten. Doch ich verscheuche diesen Gedanken. Als mein älterer Cousin heiratete, hatte der jüngere bereits eine Braut und somit war ich praktisch überfällig. Die Großmutter wollte sich keineswegs damit abfinden, dass ich, was Gott verhüten möge, eine alte Jungfer würde und ihr auf dem Dorf Schande bereite. Und ihre Methode, mir auf der Hochzeit diesen kleinwüchsigen Soldaten anzuhängen, funktionierte tatsächlich. Innerhalb einer Woche fand ich so etwas wie einen Freier, ich hatte ihn im Speisesaal der Schule entdeckt, genauer gesagt er mich, ich hatte lediglich nicht mehr solch beharrlichen Widerstand geleistet, wie ich es sonst getan hatte. Am Ende kam ich mit seinem Freund zusammen, meinem späteren Ehemann. Doch die Großmutter erlebte meine Hochzeit nicht mehr. Sie verstarb unerwartet, das heißt, ganz so überraschend kam es nun auch wieder nicht. Sie war mit dem Fahrrad gestürzt. Wie gewöhnlich hatte sie sich zum anderen Ende des Dorfes aufgemacht, um einzukaufen und ihr muss dabei schwindlig geworden sein. Sie wurde zum Glück nicht überfahren, doch sie brach sich das Hüftgelenk. Im Krankenhaus bekam sie ein paar Wochen später eine Lungenentzündung. Wegen ihres Todes musste meine Hochzeit verschoben werden und alle musterten mich verstohlen, nicht dass sich da schon eine Katastrophe abzeichnete. Schließlich hatten meine beiden Cousins heiraten müssen, jedenfalls wurde das damals so gehandhabt. Ihre Frauen versteckten die Bäuche hinter weiten Brautkleidern und üppigen Brautsträußen. Die Großmutter scheuchte beide zur Statue der Jungfrau Maria, um sie segnen zu lassen, wie das bei Bräuten, die Jungfrauen zu sein hatten, üblich war. Beide hatten die Augen verdreht und sich mit säuerlicher Miene gefügt. Mir begann kein Bauch zu wachsen, und so fingen alle an zu grübeln, ob ich überhaupt fruchtbar sei. Dem Dorf kann man nicht entrinnen.
Und jetzt war ich aus dem Trubel der Stadt hinaus aufs Dorf gezogen. Doch dieses Dorf kannte mich nicht, bis jetzt war ich mit ihm nicht verbunden. Wer weiß, wie lange mir noch gelingen würde, die Aufmerksamkeit der Leute nicht auf mich zu ziehen.
...

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