Ines Sebesta - Übersetzerin für Bulgarisch/Slowakisch und Autorin


Nach Chicago und zurück (Aleko Konstantinow)

Der Klassiker erschien 2016 im Wieser Verlag

Aleko Konstantinow heißt der Autor, der das urbulgarischste Buch überhaupt verfasst hat: Baj Ganju. Und jenen Herren, der ihn zu diesem Werk inspirierte, den Rosenölhändler Ganju Bakalski, traf Aleko Konstantinow auf seiner Reise zur Weltausstellung in Chicago 1892. Und von genau dieser Reise handelt das Buch "Nach Chicago und zurück". Es ist nicht nur in Bulgarien ein Klassiker, es hat nachweislich Generationen von Bulgaren auf ihrer ersten Reise über den großen Teich als Reiseführer begleitet (wer mag da an einen Zufall glauben, wenn er hört, dass heute in Chicago mehr als 100 000 Bulgaren leben ...).
Die 1893 verfassten launigen Reisenotizen Konstatinows zeigen auf erfrischende, provokante und verwirrend aktuelle Weise, wie sich die Neue Welt mit all ihren Besonderheiten und Absonderlichkeiten als Schmelztiegel der Moderne dem fremden (europäischen) Auge präsentiert.

Und hier ein kleiner Blick ins Buch:

...
Mit einem kleinen Boot, so lang wie hoch, kamen die Zollmächte an Bord. Die Passagiere der ersten beiden Klassen wurden in den Salon der Ersten gebeten, wo die Zollbeamten ein paar langweilige Formalitäten erledigten.
Auch ich begab mich zu einem der Beamten. Er fragte mich nach meinem Namen. Als er den mit „ow“ endenden Familiennamen hörte, brabbelte er:
„Sie sind Russe?“
„Nein, ich bin Bulgare.“
„?!“
„Bulgare bin ich, aus Bulgarien.“
„??!!“ „Bul-gé-rian!“, rief ich noch nachdrücklicher, denn die Unaufmerksamkeit dieses Amerikaners begann mich ärgern. Ist er denn taub? „Bulgérian!“
„Ungarn“, verbesserte er mich.
„Von welchem Ungarn schwätzt du! Bulgarien auf der Balkanhalbinsel.“
Ich wurde wütend und gleichzeitig amüsierte es mich, als ich sah, wie er sein Gehirn anstrengte – Wo lag bloß dieses Zarenreich! Unsere Zeitungen zitieren täglich derart fabelhafte Berichte der internationalen Presse über den Fortschritt unseres Vaterlandes und dieser Ungebildete hatte noch nicht einmal den Namen „Bulgarien“ gehört!
Mir fiel ein, dass ich den Namen unseres Fürstentums in ihrer Sprache vielleicht falsch ausgesprochen hatte und so holte ich die Karte von Europa heraus, faltete sie vor ihm auseinander und stach mit dem Finger in die Mitte von Sofia.
„Oh, yes Turkey; all right!”
„No sir“, protestierte ich, doch er wollte nichts mehr hören und schrieb mich als Türke ein. Auf diese Weise turkisierte er auch Filaret und den Doktor. Letzterer wurde zornig und ließ eine Schimpftirade auf die Amerikaner los: „Das ist doch unglaublich“, wiederholte er mehrmals, „wie kann man nicht wissen, wo Bulgarien liegt? Was sind denn das für Trottel!“
Nachdem wir uns lange zwischen den unzähligen Wasserfahrzeugen hindurch laviert hatten, machten wir endlich am Anleger der französischen Transatlantik Schifffahrtsgesellschaft fest. Wir gingen von Bord und betraten eine große, mit schmiedeeisernen Kuppeln verzierte Halle. An den Wänden hingen Pappschilder mit den alphabetisch geordneten lateinischen Buchstaben. Jeder stellte sich mit seinem Gepäck vor den Buchstaben, mit dem sein Name begann. Kurz vor dem Ausgang stand an einem Tisch einer der Beamten, die auf unserem Schiff waren; zu seinen Seiten hatten sich schlanke und in saubere Uniformen gekleidete Männer aufgereiht - die Zollbediensteten. Dem Reisenden blieb nichts zu tun, als zu dem Beamten zu treten und seinen Namen zu nennen, augenblicklich wurde ihm einer der Bediensteten zur Seite gestellt, dieser begab sich gemeinsam mit dem Reisenden zu dessen Gepäck, kontrollierte und markierte es und ging anschließend wieder zurück zum Ende der Schlange, um zu warten, bis er an der Reihe war, einem anderen Passagier dienlich zu sein. Und all das ging so schnell, so glatt, dass du dich mit einem schwermütigen Seufzer so mancher europäischen Zollstation erinnertest. Doch dass auch hier nicht alles perfekt war, kann man an der folgenden Begebenheit sehen, über die ich ein, zwei Worte verlieren will.
...

 

 



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