Ines Sebesta - Übersetzerin für Bulgarisch/Slowakisch und Autorin


Das Portrait meines Doppelgängers von Georgi Markov, gemeinsam mit Dr. Rumiana Ebert aus dem Bulgarischen übersetzt, 
erschienen im Wieser Verlag

Zum Buch die Kritik von Uwe Stolzmann:

Deutschlandradio Kultur
Radiofeuilleton 24.06.2010 – 15.33
Literatur live – Leitfaden
Rezensent: Uwe Stolzmann

Bei uns hat er bislang höchstens wegen der bizarren Umstände seines Todes einen Namen: Georgi Markow, Jahrgang 1929, Opfer des „Regenschirmmords“ von 1978. Daheim in Bulgarien wird Markov als schlagfertiger Erzähler geschätzt. Nun erscheint erstmals ein Prosastück von ihm auf Deutsch, ein sarkastischer, doppelbödiger Text, der an Stefan Zweigs Schachnovelle erinnert.
         Sofia an einem Samstagabend in den Sechzigern. In einem Mietshaus sitzen ein paar Männer vor Pokerkarten und Alkohol, die Karten sind gezinkt. „Das Spiel ist vollkommener als das Leben“, so umschreibt Markovs Ich-Figur die Szene, und schon geht es los. Der namenlose Held und sein Kompagnon, „Der-rechts“ genannt, wollen einen Mitspieler ausnehmen, Spitzname „Hyäne“. Erst werden sie die Hyäne locken, bevor sie gegen Morgen zum großen Schlag ausholen.
         Während der Nacht schaut der Ich-Erzähler auf sein Leben. Er zeichnet ein eigentümliches Bild von sich, das Bild eines Falschspielers aus Leidenschaft. Journalist ist der Mann; als Reporter erfindet er Geschichten von selbstlosen Helden der sozialistischen Arbeit. Warum er das tut? Weil er Spaß daran hat. Und weil er seinen Herren ein guter Diener sein möchte - dem Chefredakteur und den Politbürokraten weiter oben. Der Protagonist betrügt auch seine Frau. Bei einer Geliebten trifft er eines Tages auf einen Nebenbuhler, einen Doppelgänger. Die Rivalen werden Geschäftspartner, denn auch der andere, bald „Der-rechts“ genannt, pokert und mogelt gern.
Bis gegen vier in dieser Samstagnacht läuft alles nach Plan. Jetzt kommt der Coup. Bündelweise liegt Geld auf dem Tisch, nur noch der Erzähler und die Hyäne sind im Spiel. Die Hyäne schwitzt, sie deckt ihr Blatt auf - und da geht irgendwas schief. „Ich erstarre! Die Hyäne hält einen Straight Flush bis zum Ass.“ Es dauert einen Moment, aber dann weiß der Erzähler: Sein Kompagnon und die Hyäne machten gemeinsame Sache. „Schufte! Verbrecher!“ will er rufen, doch er wankt nur stumm die Treppe hinunter.
Mit dieser Geschichte vom betrogenen Betrüger hat Georgi Markov eine klassische Novelle vorgelegt. Das kleine Werk, 1966 in Bulgarien erschienen, ist frech, zynisch, stilistisch brillant. Lustvoll demontiert der Verfasser ein Dogma der kommunistischen Führung: das Dogma von der allein selig machenden sozialistischen Moral. Georgi Markov hat das System der Heuchelei irgendwann nicht mehr ertragen. Drei Jahre nach der Publikation seiner provokanten Novelle emigrierte der Schriftsteller. In London arbeitete er für die BBC, für Radio Free Europe und die Deutsche Welle. Er attackierte das Regime in seiner Heimat, er verspottete den Staatslenker Todor Shiwkow. Doch Diktatoren verstehen keinen Spaß. Shiwkow schickte einen Killer. Am 7. September 1978, dem Geburtstag des Despoten, stach ein Passant auf der Londoner Waterloo Bridge Markov mit einem Regenschirm wie zufällig ins Bein. In der Schirmspitze steckte ein Kügelchen mit 40 Mikrogramm des Biowaffengifts Rizin. Tage später starb der rebellische Autor.

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