Ines Sebesta - Übersetzerin für Bulgarisch/Slowakisch und Autorin


Fußnotengeschichten von Alexander Špatov
erschienen im Wieser Verlag

Zum Buch:
In diesem Buch ist alles anders, es gibt keine Überschriften, denn diese Rolle übernehmen die Kapitel selbst und das wiederum geht nur, weil sie höchstens 13 Zeilen lang sind, und all diese Überschriftenkapitel haben eines gemein, nämlich eine Fußnote, die dann aber schon mal 20 Seiten umfassen kann.
Zwanzig Fußnoten sind es im Ganzen und alle überraschen irgendwann irgendwomit. Wahrlich spannend, dieser Alexander Špatov, Shootingstar der Sofioter Literaturszene (als er das Buch schrieb war er 23), und wirklich erstaunt wird der Leser nach Lektüre der letzten Fußnote innehalten, wenn er sich bewußt macht, dass selbige bereits 2008 veröffentlicht wurde, ein Jahr bevor das Internetspiel Farmville Furore machte und 75 Millionen Menschen in seinen Bann zog. Und das Unglaublichste daran - die Fußnotengeschichte verliert nicht dadurch, dass die Wirklichkeit sie überholte, sie wird nur noch reizvoller...

 

Weihnachten ist die Zeit, in der man sich an nahestehende
Menschen erinnert, an das Verständnis und
die Liebe, an das Wunder der Güte und an die Barmherzigkeit
und natürlich auch an Schwein am Spieß,
ohne dass man sich wohl kaum so um den feierlich
gedeckten Tisch drängen würde. (20)
________________________________________________
(20)
Haben Sie jemals davon geträumt, zu Ihren Wurzeln
zurückzukehren?
Haben Sie schon einmal versucht sich vorzustellen,
wie Ihre Großväter gelebt haben?
Würden Sie gern einmal in die Rolle früherer Bauern
schlüpfen und sich einzig und allein auf die eigenen
Kräfte verlassen, um ihre Nahrung zu sichern?
Sollte Ihre Antwort auf obenstehende Fragen auf „Ja
lauten, so besuchen Sie unbedingt die Website
www.realfarmer.com und lernen Sie unsere unglaublichen Angebote kennen.
Da war sie also, die initiale E-Mail, und da war auch
unser Mister Martin, der während der Mittagspause seinen
Laptop hervorgeholt hatte, seine Post kontrollierte und
dann gleich die Verbindung zu Realfarmer.com herstellte.
Auf dem Bildschirm ordneten sich zunächst die Fotos von
drei sympathischen Tierkindern an (einem rosigen kleinen
Ferkel, einem gelblichen Kücken und einem schneeweißen
kleinen Kälbchen) und dann leuchtete darunter in einer
außergewöhnlich charmanten Schrift der Vorschlag an
die Besucher der Website auf, ob sie nicht ihr Tierhalter
werden wollten.
Wahrscheinlich so was wie Farmville, nur wirklicher
- schmunzelte Mister Martin vor sich hin und
schnalzte gleichzeitig mit der Zunge und der Maus. Sofort
baute sich die neue Seite auf, die man - verstehen Sie
das jetzt bitte nicht falsch - als keineswegs langweilig
bezeichnen konnte. Auf dem Monitor des Laptops erschienen
verschiedenste Unterverzeichnisse wie „Erlerne
die Grundlagen“ - Einführung in die Tierhaltung, „Die
Farm“ - Aufbau, Unterhaltung und Accessoires, „Die
Futterarten“ - Preise, Empfehlungen, Effektivit“, „Game
Over“ - die Seite des Schlachthofs. Die Seitenbetreiber
hatten auch ein Forum eingerichtet (bereits über 1200
Themen!), zusätzlich gab es eine Liste mit allen möglichen
Ausschreibungen und Wettbewerben, dann natürlich die
Teilnahmebedingungen, um Tierhalter zu werden, ergänzt
durch weiterführende Links zu Farmen einzelner
Nutzer usw. Nachdem er eine ganze Weile auf der Seite
herumgeklickt hatte, war ihm so ungefähr klar geworden,
worum es ging.
Da war also jemand auf die Idee gekommen, die Tierchen
seiner eigenen Farm gegen eine gewisse Sorgepflicht,
sprich Fütterung, Unterbringung, Gesundheit, Hygiene
und so weiter, anzubieten. Man setzte dabei auf die
unwahrscheinlichen Möglichkeiten des Internets einerseits
und auf die Gutherzigkeit und das Mitgefühl seiner Surfer
andererseits, welche die mitleiderregenden Blicke der
putzigen schutzlosen Hühnchen, Entchen, Schweinchen,
Kälbchen, Schäfchen, Zicklein, … bis hin zu (und das war
der allerletzte und wohl vernichtendste Vorschlag) kleinen
Straußenkücken (!) weckten. Und das Ganze war kein virtuelles
Spiel, sondern absolut wahrhaftig und real. Natürlich
konnte jeder „Realfarmer“ experimentieren, soviel er
wollte, trotz allem musste er dabei ständig die Tatsache
vor Augen haben, dass irgendwo dort draußen, Tausende
Kilometer von ihm entfernt, in einem ebenso kleinen wie
authentischen osteuropäischen Dorf, die unschuldige und
schutzlose Seele eines Tierkindes die Folgen jeder seiner
Launen höchstselbst auszubaden hatte.
Da haben sie mal wirklich eine tierische Marktlücke
Gefunde, -  dachte Mister Martin und sah jene Webseitenbetreiber
bereits erfolggekrönt vor sich. Unwahrscheinlich,
wie viele Leute da anbeißen werden. Einmal, weil du
dabei ja wirklich zur Lebensweise deiner Großväter zurückkehren
kannst. Zweitens, weil du dann einen ultraabgedrehten
vierbeinigen Liebling hast, der nicht einmal den
geringsten Platz deiner Wohnung für sich beansprucht
und drittens weil sich jedes angefutterte Kilo in reale Dividende
umwandeln lässt (bei Letzterem war er sich nicht
so ganz sicher, aber er hielt es dennoch vorerst einmal so
für sich fest).
In diesem Moment bemerkte unser Mann, dass die
Pause bereits vorüber und es somit angebracht war, von
den Tierchen zu lassen und wieder auf das Börsenparkett
zurückzukehren, denn die Safari zu den Indizes des Tages
musste fortgesetzt werden und nebenbei war auch noch
Jagd auf Investoren zu machen. Nein, an Abenteuern
bestand sicher kein Mangel, doch nach so vielen Jahren
gab es eigentlich nichts mehr, was seinen Enthusiasmus
wirklich hätte reizen können. Aus diesem Grund wartete
Mister Martin gleichmäßig auf das Ende dieses langen
Freitags und beschloss seine abendliche Verabredung zu
verschieben. Zu Hause baute er sich unverzüglich vor
dem Laptop auf, öffnete erst eine Flasche Wein und dann
die Seite Site Realfarmer.com.
Es ist sicher nicht nötig, zu erwähnen, dass erneut auf
dem Screen die drei entzückenden Tierbabys mit den
drei mitleiderregenden Blicken erschienen. Völlig willkürlich
klickte er das Porträt des rosaroten Schweinchens an
und im nächsten Moment baute sich irgendein Formular
für seine Angaben auf, das in beeindruckender Geschwindigkeit
und Nachlässigkeit von ihm ausgefüllt wurde.
Daraufhin erschienen die Geschäftsbedingungen - ein
schier endloser Text mit äußerst verzwirbelten und sinnlosen
Festlegungen und Vereinbarungen, die er auf unglaublich
effiziente Weise überflog. Darunter leuchtete
schon der Einverständnis-Button, wodurch sich diese
widerliche Formalität augenblicklich wegklicken ließ. Die
weitere Übertragung verzögerte sich merklich, denn in der
oberen Hälfte der Webseite begann sich ein kleiner Film zu
laden. Etwa zwanzig nutzlose Sekunden später erschien
auf dem Bildschirm des Laptops jenes rosarote kleine
Schweinchen und begann fröhlich auf- und abzuspringen,
um zu demonstrieren, dass es seinem neuen Besitzer das
freudigste, liebste und wärmste Gefühl entgegenbrachte.
Genau in diesem Moment zeigte sich auch das erste gerührte
Lächeln in Mister Martins Gesicht, der die süßen
Äuglein über dem mistverschmierten Rüsselchen einfach
nicht übersehen konnte. Und als dann darunter erwartungsvoll
die Frage aufblinkte, wie dieses kleine Wesen denn
heißen solle, war das verworrene Geschäft bereits in vollem
Gange.
Da es sich um ein männliches Ferkel handelte, wurde
es George getauft. Mister Martin legte größten Wert auf
diesen Namen und bestellte auf der Seite der Accessoires
sogleich ein Spezialhalsband mit dem entsprechenden
Namenszug. Dieses Vergnügen kostete ihn 19 $, doch er
hatte dabei nicht im Geringsten den Eindruck, sein Geld
zu verplempern. Im Gegenteil - unser Mann empfand es
als äußerst sinnvoll, für jemanden sorgen zu können.
Im „Handbuch für die Aufzucht von Haustieren“ las
er, dass es in den ersten Monaten am wichtigsten sei, auf
die Gesundheit der Jungtiere zu achten und genau deshalb
ordnete er vorsichtshalber eine umfassende veterinärmedizinische
Untersuchung an (75 $), der er dank einer extra im Stall des
Schweinchens installierten Kamera auch persönlich beiwohnen
konnte. Natürlich war die ständige Videoverbindung eine
teure Angelegenheit (350 $ im pro Monat), doch dadurch
fühlte sich Mister Martin bedeutend sicherer, was das Wohl
seines geliebten Schweinchens betraf.
Wie sich bald herausstellte, war die Sache mit der
Fütterung und der Futterbeschaffung außergewöhnlich
verzwickt. Das lag vor allem daran, dass man kein durchgehend
funktionierendes automatisches Fütterungssystem
einrichten konnte, sondern jede Mahlzeit einzeln anweisen
musste. Das versetzte Mister Martin in permanente Anspannung,
besonders deshalb, weil Auswahl und artgerechte
Mischung des Futters eine eigene Wissenschaft
waren. Es mussten dabei so viele verschiedene Parameter
beachtet werden, dass es selbst für einen gewieften Broker
wie ihn schwierig war, diese ganze Philosophie zu beherrschen.
Und so plagte ihn fast täglich sein Gewissen, ob
ihm am Vortag womöglich ein Fehler beim Mischungsverhältnis
unterlaufen war oder weil er versucht hatte, den einen oder
anderen Dollar auf Kosten der Qualität einzusparen oder ob
das Frühstück des Tierchens vielleicht eine Stunde früher
hätte angewiesen werden müssen.
Unbehelligt von all dem wuchs das Schweinchen heran
und Mister Martin konnte sich davon nicht nur durch
seine direkte, wenn auch qualitativ zweifellos kritikwürdige
Videoverbindung überzeugen, sondern auch
durch die wöchentlichen E-Mails, die ihm Realfarmer.com
zusandte. Diese informierten den Tierhalter regelmäßig
über den aktuellen Zustand seines Jungtieres (Gewicht,
Länge und Höhe) sowie die interessanteren Vorkommnisse
der letzten Woche, sollte er sie zufällig in der Liveübertragung
verpasst haben. Im Attachment fand er außerdem
jedes Mal das aktuellste Foto seines süßen kleinen Rüsselchens.
Die Aufnahmen hatten jedoch bei Weitem nicht die
erforderliche Qualität, weshalb Mister Martin zu seinem
ersten Monatsjubiläum als Tierhalter einen Extra-Fototermin
für das Schweinchen orderte. Unglaublich gute
Bilder waren dabei entstanden (120 $) und natürlich
prangte das schönste davon bereits in seinem Büro.
Offensichtlich problematisch erschien ihm jedoch sein
hygienischer Zustand, andererseits - was konnte man von
einem Ferkel schon erwarten? Im zweiten Monat ordnete
er also verschiedene Verbesserungsmaßnahmen im
Wohnumfeld des Tierchens an (270 $), die ihn im Ergebnis
allerdings immer noch nicht zufriedenstellten. Im vierten
Monat wurde es notwendig, dem Schweinchen einen
größeren und bequemeren Stall bauen zu lassen (530 $).
Da war nun zweifellos alles auf höchstem Niveau - angefangen
von Fayencekacheln, über ein Ventilationssystem
bis hin zu automatischen Duschen mit anschließendem
Striegel.
Mit Beginn des sechsten Monats ist festzuhalten, dass
sich das Ferkelchen nun endgültig und unwiederbringlich
in ein freimütiges Schwein verwandelt hatte, das in Übereinstimmung
mit sämtlichen Richtlinien der Tierhaltung
in die freie Natur gelassen werden konnte. Zu diesem
Zweck wurde das Tier mit einer diskreten Glocke und
einem noch diskreteren GPS-Sender (285 $) ausgestattet.
(Mister Martin hätte niemals gewagt, die Verantwortung
für Georges Sicherheit irgendeinem rotznäsigen Schweinhirten
allein zu überlassen.)
Friedlich und ruhig reihten sich die Herbstwochen
aneinander und mit jedem zu Ende gegangenen Tag hatte
George eifrig ein Kilo nach dem anderen zugelegt, was in
den wöchentlichen Mails ebenso eifrig dokumentiert
wurde. Der kleine Grunzer hatte sich inzwischen unbestreitbar
in ein vortreffliches Riesenschwein verwandelt.
Für Mister Martin jedoch war George längst schon zum –
wie übertrieben und hochtrabend das jetzt auch klingen
mag - geheimsten Inhalt seiner Gedanken und Leidenschaften
geworden. Es ging hier schon lange nicht mehr
um irgendein abgedrehtes Hobby - Realfarmer hatte ihm
das Leben nahegebracht! Er konnte dadurch Dinge begreifen
und wahrnehmen, von deren Existenz er bisher
nicht die leiseste Ahnung gehabt hatte. Jetzt, wo es ein
Wesen gab, das jeden Tag von seiner Fürsorge und Aufmerksamkeit
abhing, war von seinem wilden Manhattan-
Egoismus nicht die kleinste Spur geblieben.
Und wie sehr ihm der fehlende physische Kontakt zu
seinem Liebling zu schaffen machte, muss wohl nicht
extra erwähnt werden. Wie viel besser wäre es doch,
wenn George zu ihm nach New York ziehen würde! Er
hatte sogar eine Wohnung gefunden, in der man mit mehr
oder weniger großem Aufwand seinen Stall einbauen
könnte. Jetzt musste er nur noch Realfarmer fragen, wie
die Prozedur des Transportes zu regeln war. Und genau in
dem Augenblick, als er sein Postfach öffnete, um diese
Frage zu stellen, ging folgende außergewöhnlich kurze
und inhaltsschwere Mitteilung ein:
„GAME OVER. Im Namen des Schlachthofs die besten
Grüße.“
Sofort schrieb er zurück und bat um eine Erklärung.
Bedauerlicherweise gab man ihm eine solche, die seine
sofortige Abreise nach Bulgarien erforderlich machte,
denn es blieb ihm nur mehr eine Woche, um seinen Georgi
vor dieser abscheulichen Balkan-Barbarei zu bewahren.
Wie konnten sie es überhaupt auch nur wagen, ihn
zu sich zu beordern?, - fuhr er fort sich aufzuregen, während
er bereits einige Stunden über dem Atlantik schwebte.
Sie würden schon noch merken, mit wem sie es zu tun
hatten! Was heißt hier, der Vertrag sei ausgelaufen und
könne nicht verlängert werden?! Wie konnten sie sich
überhaupt erdreisten ihm zu erklären, dass sein eigenes
Tier auf direktem Wege dem Schlächter zugeführt werde,
falls er nicht unverzüglich an Ort und Stelle wäre? Reichte
das Geld denn nicht, das er ihnen bis jetzt in den Rachen
geworfen hatte? Und überhaupt - es war ja keine Rede
davon, irgendeine Dividende zu verlangen, er wollte sich
bloß Georgi schnappen und ab mit ihm nach New York
fliegen. Basta.
Auf dem Sofioter Flughafen erwarteten ihn schon zwei
Angestellte von Realfarmer. So müde er auch war, er zögerte
keinen Augenblick und richtete als Erstes ein paar ordentliche
Beschimpfungen an ihre Adresse, die mit gutmütigen
und verständnisvollen Blicken beantwortet wurden.
Dann brachten sie ihn in einem tadellosen BMW zum
Büro des Schlachthofs.
Das Gebäude machte angesichts der geografischen
Breite, auf der man sich befand, einen überraschend guten
Eindruck. Weniger einnehmend wirkte auf ihn, dass im
Hauptfoyer Schnüre voller Trockenwürste, Salamis und
Dörrfleischstücke von der Decke baumelten.

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