Ines Sebesta - Übersetzerin für Bulgarisch/Slowakisch und Autorin


Es geschah an einem ersten September (oder ein andermal) von Pavel Rankov
erschienen im Wieser Verlag


Kann ein Roman, dessen Handlung kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs beginnt und dessen Helden mal in der Hitlerarmee Zwangsdienst leisten müssen, mal in Palästina kämpfen und während des Budapester Aufstands auf den Barrikaden stehen, auch unterhaltsam sein und zuweilen sogar richtig Spaß machen?
Bei Pavol Rankov lautet die Antwort eindeutig: Ja!
Drei Jungs, noch dazu Freunde, sind verliebt in ein und dasselbe Mädchen. Alle drei gehen einen ganz eigenen Weg in den an historischen Umbrüchen so reichen Jahren zwischen 1938-68. Doch immer wieder stellen sie sich gegenseitig ein und dieselbe Frage: Wie weit bist du mit Mária?
Pavol Rankov schrieb sich mit seinem Buch quer durch die Branchen - mal ist's ein Krimi, mal wirkt's eher wie ein historisches Dokument, dann wie eine Groteske mit stellenweise recht schwarzem Humor ... und ganz nebenbei ist es eine bis zur letzten Seite spannende Lovestory voller oftmals verblüffender Wendungen.

Ein Roman über die Liebe, soweit die höheren Mächte so etwas zulassen.
(Pavol Rankov)

Und hier zwei ultrakurze Blicke ins Buch:
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Als Gabriel Mitte Dezember einen Brief an Mária zur Post brachte, dieses Mal war es ein dicker Umschlag, in dem auch eine schöne Weihnachtskarte mit der Madonna und dem Jesuskind steckte, schrie ihm der Telefonist durch seine Luke zu, er solle einen Moment warten. Gabriel trat näher heran. Majerský stand von seinem Stuhl auf und stellte sich auf die Zehenspitzen, damit er mit seinem Mund bis an Gabriels Ohr reichte. Sofort stach Gabriel der Gestank kürzlich genossenen Wacholderbranntweins in die Nase. Als Gabriel den Schnauzer des Telefonisten an seinem Ohr spürte lief ihm ein eiskalter Schauer über den Rücken. Plötzlich packten ihn Majerskýs Finger am Mantelkragen und zogen ihn noch näher zu sich heran, damit er das Flüstern aus dem stinkenden Mund hören konnte: „Hör mal, du Denunziant, glaube nicht, dass nur du Geheime kennst. Auch ich habe Freunde bei ihnen. Sie haben mir erzählt, dass du mal Rosenberg geheißen hast. Das ist ein jüdischer Name, stimmt’s?!“
Gabriel riss sich aus Majerskýs Umklammerung los und stürzte in den frostigen Tatraabend hinaus. Im Mund spürte er den süßlichen Geschmack von Blut, doch als er unter einer Laterne in den Schnee spuckte, war da nichts Rotes. Erst zwei Wochen später, als er eine Weihnachtskarte von Jan mit den besten Wünschen zum neuen Jahr in der Hand hielt, realisierte Gabriel, dass diese Geheimdienstsache zwischen ihm und dem Telefonisten irgendwie auch mit Jan zusammenhängen musste.
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Irina nahm die Kreide und zeichnete eine Linie, die zickzackförmig im Körper der aufgemalten Gestalt umher irrte. So bewege sich eine Kugel im menschlichen Körper, die sich von den Knochen abstoßen kann. Danach folgte die praktische Vorführung auf dem Schießstand. Jan dachte erst, sie hätten einen deutschen Kriegsgefangenen aus dem zweiten Weltkrieg mitgebracht, doch sie hatten nur eine Ziege an den Wagen gebunden. Sie graste gemütlich. Irina wies die Umstehenden darauf hin, dass sie nur in den Hinterschenkel schießen werde, nicht in den Rumpf, wo sich die lebenswichtigen Organe befinden. Sie nahm das Gewehr, zielte und feuerte. Das Tier wurde hochgeschleudert, es zappelte in der Luft und als es auf die Erde fiel, bewegte es sich schon nicht mehr. Irina schlug vor, hinzugehen und den Körper gründlich zu durchforschen.
Irinas Körper gründlich zu durchforschen gelang Jan nicht. Ihr hastiger Geschlechtsverkehr fand in den Kabinen der Toilette oder hinter den Bäumen neben dem Kasernenzaun statt. Beim ersten Mal dachte er beim Anblick ihres Haars an Mária, doch dann erinnerte es ihn nur noch an ein Kornfeld im Juli. Ihre rosafarbene Haut war wie Blütenknospen vor dem Aufspringen. Wenn er kurz seine Lippen an ihren Hals oder auf die entblößten Schultern drückte, blieben bordeauxfarbene Abdrücke zurück. Jan schien, als habe Irina etwas Teuflisches in sich. Die Vorstellung, dass sein Glied in ihrem Körper wie ein Geschoss herumirrte, erregte ihn sehr.

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